Pilzgeschichten

Historische Aussagen über die Verwendung von Pilzen als Speisepilze oder gar über deren Verwendung in der Volksheilkunde und - in Europa - in der mittelalterlichen "Klosterapotheke" ergeben noch kein Gesamtbild, da sich Europäische Naturwissenschaftler und Historiker nicht sehr intensiv mit den Pilzen beschäftigt haben. Sicher ist jedoch, dass Pilze und deren Wirkungen schon seit langem bekannt waren, es fehlte gleichwohl an einer umfassenden Dokumentation. Während in der Antike Pilze zu kultischen Zwecken verwendet wurden (Isiskult im alten Ägypten) und - zumindest Champignons - in der altrömischen Küche als Füllung für Fleischgerichte bekannt waren, ging dieses Wissen bis auf sporadische Einzelteile in der Zeit der Völkerwanderung (500-800 n.Chr.) verloren. - sogar so umfassend, dass während einer großen Hungersnot in Island im 13. Jahrhundert, Menschen deshalb verhungert sein sollen, weil sie die in Island vorkommenden Pilze nicht als Nahrungsmittel erkannten, folglich auch nicht ernteten. Nicht verwunderlich ist es daher, dass heutiges Wissen über Pilze mühsam rekonstruiert werden muss und hauptsächlich aus Regionen mit einer schamanischen bzw. ganzheitlichen Ernährungslehre stammt, wo die Grenzen zwischen Ernährung und Heilkunde fließend sind. Heute bemühen sich Naturwissenschaftler dieses alte Wissen zu verifizieren und auf Inhaltsstoffe in den Pilzen zurückzuführen.

Nordasiatische und nordamerikanische Medizinleute und Schamanen benutzen seit Jahrtausenden Pilze, um sich zu berauschen und in eine "Anderswelt" zu reisen. Aufgrund der psychoaktiven Wirkung mancher Giftpilze legte man Pilzen allgemein auch heilende Wirkungen bei und versuchte, Kranke mit Pilzmedikamenten zu heilen.

Hierzu einige Beispiele:

    Der glänzende Lackporling gilt in Ostasien unbestritten als die Nummer 1 der Pilze, denen natürliche Heilkräfte zugeschrieben werden. In der chinesischen Medizin wird er seit 4000 Jahren für medizinische Zwecke eingesetzt. In Japan nennt man den Glänzenden Lackporling "Reishi", in den jeweiligen Landessprachen übersetzt als "göttliches Heilkraut". Etwa im 3. Jahrhundert v. Christus entwickelte sich in China ein Unsterblichkeitskult. Ein Pilz namens "chih" - so heisst der glän­zende Lackporling im Land der aufgehenden Sonne - war ein Bestandteil des Elixiers zur Verlängerung des Lebens und tatsächlich bedeutet auch das chinesische Schriftzeichen für "Glänzender Lackporling" nichts anderes als "Langes Leben Pilz". Sehr alte Da­rstellungen zeigen den Gott der Langlebigkeit "Shou Hsing" mit einem Pilz in der Hand. Ein ander Mal wir er dargestellt mit seinem stän­digen Begleittier, eine Art Ren, das Pilze im Maul trägt. Immer ist der Glänzende Lackporling deutlich zu erkennen.
    Schon Plinius der Ältere erwähnte das Agaricum (höchstwahrscheinlich der heutige Lärchenporling), und man denke auch an die Pilze, die Ötzi in seiner Tasche hatte.
    Zu Zeiten der Ming Dynastie (14.Jahrhundert) empfahl der chinesische Arzt Whu Shui Shii-Take gegen Erkältung, zur Anregung der Durchblutung und zur allgemeinen Stärkung. Es wurde üblich, Shii-Take anzubauen: Damals legten die chinesischen Bauern eingekerbte Hölzer von Eichen und Buchen aus und warteten geduldig, bis diese von Pilzsporen besiedelt wurden.
    Das Judasohr, auch als Morchel bezeichnet, wurde damals gegen Schwächezustände, Verstopfung der Blutgefäße oder Gefühlslosigkeit empfohlen.
In historischen Quellen wurden Pilze immer der Kategorie der Pflanzen zugeordnet. Erst vor einigen Jahren ist jedoch in der biologischen Forschung entdeckt worden, dass Pilze keine Pflanzen sind. Die moderne Biologie ordnet die Pilze neben der Pflanzen- und Tierwelt in ein eigenes Reich der Lebewesen ein. Der wichtigste Grund für diese neue Platzierung der Pilze im Stammbaum der Lebewesen ist die Tatsache, dass Pilze kein Blattgrün produzieren. Sie können daher nicht aus Sonnenlicht Nährstoffe bilden (d.h. sie betreiben keine Photosynthese). Pilze ernähren sich wie Tiere von toten organischen Materialien. Dazu geben sie Verdauungsenzyme an ihre Umgebung ab. Die Zellwände der Pilze ähneln mehr tierischen als pflanzlichen Anlagen. Während die Hauptbestandteile der Pflanzenzellwand Zellstoffe (also langkettige Polysaccharide) sind, bestehen die Zellwände der meisten Pilze aus Chitin, dem Hauptbestandteil der Körperhüllen von Krebsen, Spinnen und Insekten.